Stephan Berg: Dazwischen

Berlin, Galerie Kienzle und Gmeiner, 1998

Die Aufgabe der Malerei beginnt für Klaus Merkel da, wo andere ihr Ende vermuten: In der Gewissheit, dass jedes Bild Elemente anderer Bilder aus der Geschichte der Malerei enthält, und so als Container für das kollektive Gedächtnis unserer Maltradition funktioniert. Im strikten Gegensatz zur Postmoderne benutzt Merkel diese Erkenntnis aber nicht, um damit zitatenseelig die beliebige Verfügbarkeit des historischen Materials zu illustrieren, sondern zur Etablierung eines Codes, in dem die Bedingungen von Malerei als visueller Text lesbar und begreifbar werden.Dabei bedient sich der Künstler einer auf den ersten Blick paradoxen Methode. Aus der Interdependenz aller Bilder ergibt sich einerseits als Aufgabe der absolute Verzicht auf das moderne geprägte Projekt des autonom auratischen Einzelbildes zugunsten eines diskursiven Mal Systems, in dem das einzelne Bild seine Signifikanz wesentlich über die ‘mitgemalten’ Rahmenbedingungen erhält. Andererseits hält Merkel nicht nur an dem Anspruch fest, alle in diesem Diskurs anklingenden Problem – zusammenhänge rein malerisch zu klären,sondern ist sich darüber hinaus der Tatsache wohl bewusst, dass die kontextuellen Bild Cluster ihre Signifikanz nur dadurch erhalten, dass jedes Bild Teil innerhalb seines Rahmens gleichwohl als für sich funktionierendes und insofern letztlich auch wieder autonom zu diskutierendes Einzelwerk gemalt ist. Anders gesagt: Das Festhalten an der Suche nach präzisen Lösungsmöglichkeiten für jedes einzelne Mal Stück ist die Bedingung dafür, dass das gesamte Projekt mehr ist als die Summe seiner Teile.

Damit artikuliert sich das Vorgehen Klaus Merkels als struktureller Balanceakt, der, gesättigt von einem tiefen Interesse an der historischen Entwicklung des Mediums, seine heutigen Möglichkeiten auf produktiv widersprüchliche Art auslotet. In allen Werkgruppen und Ausstellungsinstallationen reflektiert diese Malerei, dass die verschiedenen Formen ihrer Präsentation, selbstverständlich bis hin zu ihrer Abbildung im Katalog, ein fester und essentieller Bestandteil ihrer malerischen Realität sind. Aber sie begnügt sich nicht damit. Sie organisiert ihren eigenen Werkzusammenhang vielmehr so, dass er zu ihrem eigenen Kontext Gebäude wird. So ist die inzwischen abgeschlossene Folge der ‘Katalogbilder’, die sämtliche grossformatigen Arbeiten ‘en miniature‘ enthält, einerseits ein Verweis darauf, wie sich malerische Präsenz zunehmend vielmehr über den Kontext der Katalogabbildungen mitteilt. Andererseits funktioniert dieses Sample aber auch als sich selbst kommentierendes Archiv, als visuell realer Speicher der eigenen Arbeit, als sichtbar gemachtes biographisches Fundament.

Diese Plattform ermöglicht es, die Bilder Klaus Merkels als Syntax zu lesen, als System, das seine eigenen Voraussetzungen und Gesetzmässigkeiten offenlegt und damit betrachterkompatibel macht. Jede Operation innerhalb dieses Systems, jede Ausstellung, jeder Text, jedes Einzelbild, jeder Bildzusammenhang wird vor diesem Hintergrund gesehen in einem doppelten Sinne begreifbar: Als Erzeugung von Interdependenz im eigenen Werkkosmos, in dem sich nun Arbeiten der späten 80er Jahre mit den gleichzeitig ex und implosiven neuen Arbeiten kurzschliessen, und als Kommentar zu der widersprüchlichen Realität der Bilder, die nie sie selbst sein können im Sinne eigener autonom abgeschlossener Entitäten und doch als kontextgespeiste Möglichkeitsformen nur sichtbar werden, wenn sie die Option auf Eigen-Sinnigkeit nicht aufgeben . Insofern ist all das, was für die Bilder Klaus Merkels unmöglich geworden ist, auf einer tieferen Ebene ihre entscheidende Möglichkeit.