Rudolf Bumiller: I – IV, in: Klaus Merkel, Katalogbilder

Freiburg, Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft, 1993

I. Die Betrachter im 1. Rang haben keine Wahl: Das Kunstwerk wird ihnen als Erlebnis angetragen. Alles was der Gesichtssinn beibringt: Farben, Linien, Formen (im konventionellen Sinn) Geräusche, Gerüche, Material, Objekte, Personen, Räume, Bauten, Prozesse, Natur und Technik (im Sinn des erweiterten Kunstbegriffs) rücken uns auf den Leib. Wir greifen auf unsere subjektiven Erlebniskräfte zurück: Farb- und Formerlebnisse, Hörerlebnisse, Atmungserlebnisse, Verfremdungen, Schocks, Überwältigungen, Bestätigung-Widerspruch, lnteresse-Desinteresse und gedankliche Erlebnisse.Doch um an Gadamers Nachwort zum ,Ursprung des Kunstwerks’ zu erinnern: „Das Sein des Kunstwerks besteht nicht darin, dass es zum Erlebnis wird.”
Der l. Rang ist nur der illusionäre Platz von Produktion und Rezeption, der Vorstellung von Ausweitung und Fortschritt.

II. Nur das Staunen der Betrachter erzeugt einen 2. Rang mit der Figur des theoretischen Betrachters / theoretischen Künstlers.
Die Tätigkeit dieses theoretischen Betrachters ist der „Blick in die Ausstellung” und die damit verbundene Formalisierung der ,Erlebnisebene’. Es erscheinen die Teile des „Zweiten Rahmens”: Die Ausstellung als unendliche Folge, der Betrieb als Gesamtcharakter, das Werk als einzig gültige Kategorie, Information als Natur der Teilstücke, Archiv und Lager als Orte. Die Anstrengung der Betrachterproduktion zielt auf eine Verbesserung der Kunst durch Formalisierung der Beteiligten, der Ausstellung, der Kuratorenschaft, der kritischen Diskurse, der künstlerischen Biographie, des Oeuvres, der Kollektion und der Information.
Vom 2. Rang aus kann das Material endlich wieder losgelassen werden, das als „Kunst im l. Rang” mühsam mit grossem Aufwand konserviert wird.

III. Die Vorgänge im I. und 2. Rang als Modell darzustellen, das ist der 3. Rang. Das Modell zeigt uns die Ereignisse und Sachverhalte der Betrachtung im 1. Rang und die Dimension eines theoretischen Betrachters / theoretischen Künstlers im 2. Rang. Das Modell ist Erzählung, Verkleinerung, Herstellung von Überschaubarkeit und zeitliche Vereinfachung. Während im 2. Rang durch den theoretischen Betrachter ein Kunstmaximum entsteht, herrscht im 3. Rang des Modells ein Kunstminimum. Der zufällige Passant ist der adäquate Partner des Modellbauers – und gut gemacht – schlecht gemacht – nicht gemacht sind gleichbedeutend (um an Fillious „bien fait – mal fait – pas fait“ zu erinnern). Die Katalogbilder von Klaus Merkel sind Modelle.

IV. Es gibt keine ‚Betrachtung von Modellen’: So ist der Betrachter im 4. Rang ohne relevante Qualität.
Wir sind als Publikum die ,touristisch mutierten’ Betrachter vom 1. Rang, auf der Suche nach dem Ereignis / Erlebnis. Erlebnisproduzierender Betrieb und erlebnissuchender Betrachter erzeugen und verändern sich gegenseitig. Es gibt keine Betrachtung von Modellen, nur einen Betrachter ohne Qualitäten im 4. Rang. Angesichts der offensichtlichen Kunstlosigkeit: der Modelle (keine metaphorische Sprache, keine Immanenz, keine Doppeldeutigkeit, ohne Willkür, ohne interpretierbare Analogien – kurz: ohne künstlerische Momente) stehen wir vor der Wahl, den Vorgang, der zum Modell geführt hat, zu rekonstruieren oder den primären Diskurs der ,Kunst im 1. Rang’ als Erlebnisquelle permanent zu restaurieren.