Klaus Merkel: Madrid Statement

Madrid, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, 1996

Was meint Abstraktion innerhalb der heutigen Malereidebatte?

Allgemein wird unter dem Begriff ‘Abstraktion‘ eine Abstraktion des Gegenständlichen verstanden. In der Kunst gilt jedoch: dass sämtliche Bilder und nicht nur die aktuellen von Grund auf Abstraktionen sind. So sind in jedem neuen Gemälde immer die abstrakten Elemente anderer, vorheriger Bilder verarbeitet. Deshalb kann man sagen, dass die in der zeitgenössischen Kunstpraxis gehandhabten Abstraktionsmodelle letztendlich nichts anderes sind, als das Malen von Bildern mit Bildern.

Meine Antwort auf die momentanen Verhältnisse ist eine Verlagerung der Sichtweise auf das, was ich den ‘Text‘ zwischen den Werken nennen würde. Damit sind nicht nur die sichtbaren Felder der jeweiligen Malereien definiert, sondern es wird auch weiter die Frage nach dem Zusammenhang, der Organisation und ihrer ‘Rahmung‘ gestellt. Ausstellungen würden dann wie die Komponenten eines Reissverschlusses funktionieren, die eine Argumentationskette eröffnen oder schliessen können.

Meine Ausstellungspraxis der achtziger Jahre demonstrierte genau diese neue Lesbarkeit des Tafelbildes, indem Einzelwerke einer übertriebenen Hängung geopfert und in einer wandfüllenden Bildtapete so verwandelt wurden, dass auf Malerei als zusammenhängendes Ornament verwiesen werden konnte. Ich war nicht mehr daran interessiert Gemälde mit einer erhabenen Bedeutung herzustellen.

Zur Umsetzung und Erweiterung dieser Erfahrung musste ich die Bilder entleeren, indem ich sie auf einfache ablesbare Typen reduzierte. Dadurch war es möglich, sie in ein autonomes Bildsystem zu transformieren, in welchem die Verschiedenartigkeit der einzelnen Werke überhaupt erst in ihrer Widersprüchlichkeit erkannt werden konnte. Dieser beabsichtigte Missbrauch bildete den Kern für einen Umgang mit Tafelbildern innerhalb des Modells meiner Malerei. Ich akzeptiere einfach, dass die Ausstellungs Installation, genauso wie der Katalog, inzwischen zu entscheidenden Bestandteilen der Realität Malerei geworden sind.

Da ich Kunst ausschliesslich als Malerei darstellen will und deshalb auf dem autonomen Charakter der Malerei und des Maler-Seins beharre, war es notwendig, diese Strategien in die eigene ästhetische Praxis zu überführen. In diesem Zusammenhang entwickelte ich Anfang der neunziger Jahre die Gruppe der ‘Katalogbilder‘, die in reduzierter Skala den Extrakt meiner gesamten malerischen Produktion zwischen 1988 und 1994 beinhalteten.

Die ‘Katalogbilder‘ sind der Text zu meinem malerischen Konzept. Sie wiederholen einerseits die Funktion von Ausstellung, des Katalogs und eines konzeptuellen Schemas; sie verweisen andrerseits auf die Utopie einer kompletten Sammlung und auf die Konstruktion der künstlerischen Biographie. Sie stellen ein eigenes Glossar dar, eine Konkordanz, die in der Lage ist, jede buchstäbliche Reflexion, das heisst: eine Reflexion, die Bilder mit Worten zu erklären sucht, zu untergraben. Die ‘Katalogbilder‘ selbst sind der Kommentar zu den ‘Originalen‘, die nun im Gegenzug enthüllt werden und als Akteure in einem Stück, als entwertete Währung, als Spielkarten oder als Text verstanden werden können.

Das Madrid Statement wurde anlässlich der Podiumsdiskussion im Rahmen der Ausstellung NUEVAS ABSTRACCIONES im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia Madrid verfasst.