Klaus Merkel

Texte

Marianne Dobner: Klaus Merkels Bilderwelt lesen lernen

Düsseldorf, Galerie Max Mayer, 2019

So rätselhaft wie Klaus Merkels neuer Werkzyklus, liest sich auch der zugehörige Ausstellungstitel MEWS: Für den deutschsprachigen Leser eine unaussprechliche Aneinanderreihung von Buchstaben, dem englischsprachigen Leser bekannt als eine Bezeichnung für Stallungen, die zu Wohnräumen umfunktioniert wurden. Ein erster Hinweis zur Entschlüsselung der Motivik des neuen Zyklus.

Klaus Merkel referenziert sich selbst – erneut – indem er zu seinen künstlerischen Anfängen zurückkehrt und an die Motivsprache der TIERE, Bilder der späten 80er-Jahre anschließt. Er wiederholt – wenn auch mit wesentlich strikterem Raster – die durchkreuzte Leinwand, die darunter liegende nicht mehr ganz so monochrome Farbfläche und die fragmentierten, gelenkhaft anmutenden schwarzen Figurationen, die ihren Grund zu zerreißen drohen. Die einzelnen Leinwände scheinen wie Puzzlestücke. Versucht, die Fragmente in ihre ursprüngliche Form rückzuführen, macht uns Merkel einen Strich durch die Rechnung, denn die endgültige Form bleibt uns verwehrt.

Expressiv und verspielt präsentieren sich die neuen Arbeiten. Termini, die man lange nicht mit Merkels künstlerischer Praxis in Verbindung brachte, denn seine berühmt berüchtigten KATALOGBILDER schienen das schiere Gegenteil: Anfang der 90er-Jahre zeigte er auf sieben frei stehenden Tafeln über 500 Miniaturen seiner zwischen 1988 und 1995 entstandenen malerischen Produktion im Maßstab 1:10. Aus seinen Originalen wurden Kopien, aus dem einzelnen Werk ein Fragment, aus Kreation System. Ein Werkverzeichnis ohne Ordnung zwischen System und Erfindung, das verunsicherte, denn Merkel gab auch hier seine Ordnungsprinzipien nicht preis.

Klaus Merkels modulhafte Sprache – sein Musterbuch – wird zum Werkzeug, das künftige Zyklen wie MASTER SLAVE SYSTEM (2010) hervorbringt: komplexe, schwer entzifferbare Bildwelten mit unzähligen Ebenen, die unseren digitalen Alltag reminiszieren. Überfordert, versuchen wir die uns umgebenden Systeme zu decodieren, vereinzelt erschließen sich kleine Partien; die Sicht und das Verständnis für das große Ganze bleibt uns allerdings verwehrt.

Während ältere Zyklen mit dem Spiel aus Nah- und Fernwirkung bestechen, zeichnet sich die neue, gleichsam alte Werkgruppe durch ihre schnelle Lesart aus. Genau darin manifestiert sich das Einzigartige in Merkels Praxis: Immer wieder suchen wir in seinen Bildern mit unterschiedlichsten Methoden nach des Rätsels Lösung. Die Versuchung, den Code zu knacken, ist groß. Schicht für Schicht lernen wir Klaus Merkels Bildwelt zu entziffern und müssen erstmal wieder lesen lernen. Mal schnell, mal langsam, mal einfach, mal komplex, doch stets herausfordernd.

Seine künstlerische Praxis bedingt sich selbst, macht Vor- und Rückschritte, wird auf diese Weise zeitlos. Er kreiert eine Bildwelt, die von jeder Generation anders gelesen werden wird. Wie Klaus Merkel in einem Interview mit Susanne Titz konstatiert: „Ich verfahre seit Jahren retrospektiv: nehme vertraute Motive, Motivkomplexe oder ganze Bilder wieder auf, male Bilder mit Bildern, in neue Bildfindungen können ältere Inserts geladen sein. Die Chronologie, das Biografische und die Nostalgie, die darin stecken, sollen aufgelöst werden. Ich blicke zurück, wiederhole und ignoriere ein Datieren oder Verorten – wann und wo dieses oder jenes Motiv das erste Mal auftaucht – uninteressant! Meine Motive, mein Werkzeug. Material wird verschoben, es unterliegt Kopierstrategien und Motivwanderungen. Das negiert Zeit und befreit.“1

  1. Master Slave System (afterglow). Verfügungsmodelle von Malerei, Wiederaufführung der Ausstellung und neugefasster Werkbegriff. Klaus Merkel und Susanne Titz im Gespräch“, in: Till Julian Huss und Elena Winkler (Hrsg.), Kunst & Wiederholung. Strategie, Tradition, ästhetischer Grundbegriff, Berlin 2017, S. 135-160, hier S. 146. ↩︎